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Gewitterwolke

Wer in den letzten Wochen die (netzlastigen) Nachrichten verfolgt hat, wird bemerkt haben, dass sich der Himmel über uns verdunkelt hat. Ich weiß nicht ob es am Sommerloch liegt oder die Leute endlich wach werden und feststellen, dass dieses ganze Cloud-Computing, zumindest das was Presse und Dienstleister dem Endverbraucher als solches verkauft, ein bisschen schlecht für den Endverbraucher ist. Jedenfalls sieht es so aus als würden wir im Moment an einem Punkt ohne Wiederkehr stehen. Entweder die Leute begreifen endlich in welche Lage sie sich selbst bringen, oder wir legen unseren Kernbereich privater Lebensgestaltung freiwillig offen gegenüber privaten Unternehmen und damit auch dem Staat.

Was ist die Cloud eigentlich? Im Gegensatz zu der ursprünglichen Definition wie man sie in der Wikipedia findet, hat sich, angeschoben von der PR Maschinerie, dieser griffige Ausdruck mittlerweile für jegliche Dienstleister und Plattformbetreiber im Internet durchgesetzt bei denen Endbenutzer meist unter Preisgabe ihrer Identität freiwillig ihre privaten Daten hinterlegen oder soziale Interaktion betreiben. Der Begriff bleibt aber schwammig und die Grenzen sind fließend ... reine PR.

Nichts desto trotzt wird es immer schwieriger keine Spuren im Internet zu hinterlassen, bzw. ein auf Privatsphäre bedachtes Online-Leben zu führen, es sei denn man entscheidet sich dazu vollständig auf Dienste wie Facebook, Google oder Dropbox zu verzichten. Aber was wäre das für ein Leben? Alle diese wunderbare neue Technologie erleichtert einem das Leben, macht Spaß und es geht meistens nicht mehr ohne. Wer heute ein Android oder Apple Gerät kauft wird quasi in die Wolke gezwungen ... und es ist ja auch einfach bequem. Demnächst gesellt sich noch Windows 8 dazu, dass ohne SkyDrive nicht benutzbar sein wird. Soziale Interaktion ohne Facebook? Kaum denkbar. Mal schnell ein paar Dateien mit Kollegen oder Freunden teilen? Ab in die Dropbox. Gemeinsam eine Präsentation vorbereiten und dabei am heimischen Schreibtisch sitzen? Dank Google Hangouts+Docs war es wohl nie so einfach. Die Bikini-Bilder vom Urlaub kommen nach Flickr und die Party-Fotos vom Wochenende landen gut sichtbar in der Facebook Timeline, wo sie automatisiert durch die Gesichtserkennung laufen.

Nicht nur, dass wir unsere intimsten Daten damit in fremde Hände legen, sichern sich viele Plattformbetreiber gleichzeitig auch die Verwertungsrechte an unseren Videos, Bildern und Texten. Der Mißbrauch geistigen Eigentums **huiuiuiu** ist also keine Einbahnstraße, wie die Medienindustrie nicht müde wird zu betonen. Sie nutzen die gewonnenen Informationen bisher hauptsächlich um uns mit personalisierter Werbung zu befeuern, aber die angehäuften Datenmengen wecken schon heute Begehrlichkeiten aus allen möglichen Ecken. Dabei sind der Fantasie von Geheimdiensten, Versicherern, Banken, etc. keine Grenzen gesetzt. Besonders den Deutschen wird immer vorgeworfen sich zu zurückhaltend und teilweise fortschritts- oder technologiefeindlich gegenüber neuen Diensten zu verhalten. Aber wer kann es uns verdenken, die eine Hälfte von uns hat immerhin am eigenen Leib erfahren wozu totale Überwachung führt.

Bisher verhinderte die unzureichende Verknüpfung der Daten einzelner Dienste und Plattformen eine allzu umfassende Überwachung der Nutzer. Speziell die beiden Platzhirsche Google und Facebook unternehmen aber seit einigen Monaten große Anstrengungen um dieses letzte Schlupfloch zu schließen. Bei Google erledigte dies die Umstrukturierung im Rahmen der Einführung von Google+. Die Nutzung der Google Dienste ist seitdem nur noch mit einem Google(+) Konto möglich und sämtliche Daten aus den anderen Google Diensten sind nun mit diesem Konto verknüpft. Obwohl Facebook selbst nur ein soziales Netzwerk ist liegen sie bei den Zahlen zur Nutzung etwa gleichauf mit Google. Mit Einführung der Chronik, ging Facebook einen Schritt weiter auf dem Weg zum Livelog. Die Einbindung externer Dienste in die Chronik und durch Zukauf von Privatsphäre eliminierender Technologie verschwinden auch hier die weißen Flecken auf der Landkarte eures Lebens. Außerdem existiert bei beiden Anbietern mittlerweile eine Klarnamenpflicht.

Die Aufzählung von Technologien und Diensten, die eure Privatsphäre gefährden könnte endlos fortgesetzt werden. Genau in diesem Moment basteln unzählige Leute an neuen Methoden um euch auch noch die letzten Daten abzutrotzen. Die nächste Generation, in Form von Geräten und Diensten zur Überwachung eurer sportlichen Aktivitäten und Gesundheit, steht bereits in den Startlöchern.

Ein krasses Beispiel was uns heute schon passieren kann lieferte vergangene Woche der Wired Autor Mat Honan. Zu einem großen Teil hat er natürlich selbst Schuld an seiner jetzigen Situation, aber die verfügbare Technologie hat es ihm leicht gemacht unachtsam zu werden. Und genau das ist der Haken. Die ganze schöne Welt der Webdienste ist so verführerisch und praktisch, dass wir gerne bereit sind dafür unsere Privatsphäre zu verlassen.

Alternativen

Dabei gibt es durchaus Alternativen, die sich mit ein bisschen Eigeninitiative problemlos umsetzen lassen. Im Folgenden möchte ich euch an Hand der von mir verwendeten Software zeigen, wie man es anders machen kann ohne auf zu viel Komfort verzichten zu müssen.

Betriebssystem

Das fängt beim Betriebssystem eures Computers an. Seit ich denken kann, gerüchtet es das Microsoft in ihre Produkte Hintertüren für amerikanische Geheimdienste einbaut. Ob freiwillig oder nicht, ist das aus meiner Sicht sogar sehr wahrscheinlich, wie man zuletzt bei den Ungereimtheiten um Flame gesehen hat. Das gilt allerdings für sämtliche Software mit Regierungsbeteiligung der Amerikaner, nur sind Open Source Produkte dank ihres nachprüfbaren Charakters (manchmal) vertrauenswürdiger. Nur der Vollständigkeit halber sei hier noch erwähnt, dass sie auch vor Hardware Backdoors nicht zurück schrecken. Über die Folgen kann man gar nicht nachdenken ohne das einem schlecht wird. Überlegt mal wo eure ganzen elektronischen Spielsachen her kommen ... und wahrscheinlich die der meisten Streitkräfte.

Bei Apple und Google wird die Situation ganz ähnlich aussehen. Und wenn man nicht direkt vom Hersteller ein Backdoor geliefert bekommt baut man sich eben sein eigenes ... Stichwort Quellen-TKÜ. Wenn man wie die meisten Privatmenschen nicht auf Windows Software oder Spiele angewiesen ist, spricht also nichts gegen ein Open Source Betriebssystem. Die Anwendungssoftware möchte ich an dieser Stelle nicht weiter behandeln, da es hier hauptsächlich um "Cloud"-Dienste gehen soll, aber auch da sollte man sich unbedingt Gedanken machen.

Soziale Netzwerke

Soziale Netzwerke haben eine lange Tradition, in ihrer aktuellen Ausprägung wie Facebook, Google+, Path oder früher die VZs und MySpace, dienen sie aber nur noch dazu die Werbung die euch im Browser angezeigt wird genauer zu platzieren. Jedes Quäntchen Information das ihr dort hinterlasst bedeutet für den Anbieter bares Geld. Also wird der Anonymität maximal entgegengewirkt und riesige Datenhalden von Informationen angelegt, die sich mit den Techniken nicht vertraute Personen kaum vorstellen können. Ein noch recht anschauliches Beispiel bieten die omnipräsenten "Like"-Buttons. Oder habt ihr euch noch nie gefragt warum Facebook euch Melkmaschinen verkaufen will, obwohl ihr überhaupt nichts mit Viehzucht zu tun habt ... ach ihr habt euch auf $Fetischseite rumgetrieben? Soso.

Der Spassfaktor und Nutzen sozialer Netzwerke lässt sich allerdings nicht verleugnen, wenn man aber mit ein bisschen weniger Funktion und nicht ganz so professionellen Lösungen leben kann, bieten sich mit Diaspora und Friendica gleich zwei gute, dezentralisierte Alternativen an. Beide erlauben es eine eigene Instanz auf dem eigenen Server zu betreiben und garantieren damit, dass eure Daten vollständig unter eurer Kontrolle bleiben. Ihr bestimmt selbst wie viel private Information ihr mit anderen teilt und müsst keine Angst haben, dass trotz restriktiver Privatsphäreneinstellungen eure Daten in dunklen Senken verschwinden.

Microblogs

Falls es im Jahr 2012 noch jemanden gibt der aktiv Microblogs nutzt und nicht unbedingt auf Twitter angewiesen ist, sollte sich StatusNet angucken. Allerdings ist hier die Gefahr des Datenmissbrauchs noch nicht so groß, was sich aber in nächster Zeit durch die Umstrukturierung bei Twitter durchaus zügig ändern kann.

File Hoster

Dropbox und Konsorten haben sich für viele Leute extrem schnell zu einem unverzichtbaren Alltagswerkzeug entwickelt. Und obwohl es dabei in eurer eigenen Verantwortung liegt, was ihr diesen Diensten anvertraut, ist meist die reine Bequemlichkeit der größte Feind und so wandern auch noch die persönlichsten Daten oder Geschäftsgeheimnisse in die "Cloud". Auf diese Weise können sich Geheimdienste und Polizei den Weg über die Quellen-TKÜ sparen und eure Daten einfach dort abschnorcheln wo ihr sie speichert.

Ursprünglich als Dropbox Alternative entwickelt kann Owncloud heute sehr viel mehr als das Original. Die Liste ist lang und wird dank API und Plugins immer länger. So lassen sich direkt noch einige weitere Privatsphäre gefährdende Dienste wie Google/Apple Kalendar ersetzen.

Mail

Und wo wir mal wieder bei Google/Apple sind, können wir auch gleich noch über Mail reden, einem der ältesten aber immer noch aktivsten Dienste des Internets. Eigentlich kein "Cloud"-Dienst, aber irgendwie cloudiisiert ... wissenschon. Ihr könnt natürlich Google Mail und Konsorten nutzen, aber ihr müsst euch immer darüber im klaren sein, dass $Geheimdienst mit liest. Also haltet es am besten mit FX der auf dem 28C3 folgendes einprägsames Statement von sich gab:

Q: "What are we supposed to do now, I mean iOS insecure, the Crombook insecure, äh ja??"

FX: "I actually might sound to oldschool, but how about running your own fucking mail server?"

So ist es.

Etc

Anstatt eure Bilder zu Flickr, Facebook oder Instagram zu schieben, warum nicht ein Piwigo aufsetzen? ICQ, Skype oder Facebook Chat lassen sich problemlos durch Jabber ersetzen. Blog bei Wordpress oder Tumblr? Kann man auch selbst machen. Bookmarks, URL Shortener ... .

Gemeinschaft

Die größte Schwierigkeit bei der Umsetzung eines selbstbestimmten Onlinelebens besteht für den Einzelnen einerseits in den technischen Hürden und andererseits in der geringen Verbreitung solcher Lösungen.

Das erste Problem lässt sich in der Regel leicht beheben, denn so gut wie jeder hat jemandem im Freundeskreis, der eigene Server betreibt und solche Dienste (gegen eine kleine Aufwandsentschädigung) anbieten kann. Falls ihr Bedenken habt eure privaten Daten bei einem Freund zu parken ("der kann ja dann meine lästerlichen Mails über ihn lesen") seit euch sicher, Admins die so etwas professionell machen, interessieren sich so sehr für den Inhalt eurer Mails wie die Kuh fürs Fliegen.

Das zweite Problem anzugehen ist da schon schwieriger. Nur wenige Leute sind gewillt Farmville Facebook für eine in der Umsetzung schlechtere, kaum verbreitete Lösung aufzugeben. Da hilft nur ein langer Atem, Überzeugungsarbeit und bessere Organisation.

Fazit

Die vorangegangenen Absätze malen eine düstere Zukunft und vielleicht kommt es auch alles nicht ganz so schlimm, aber wie in der Einleitung gesagt, ist JETZT die Zeit zu handeln. In ein paar Monaten/Jahren wird es zu spät sein. Wenn das Internet erst einmal zwischen den vier Großen aufgeteilt, die Datenströme reguliert und zensiert und die Anonymität aufgehoben ist, können wir nie wieder dahin zurück wo wir heute stehen. Es muss klar sein, dass:

  1. Die großen Internetkonzerne keine wohltätigen Organisationen sind, die ihre Plattformen aus Nächstenliebe betreiben. Sie wollen eure Daten um diese meistbietend zu verkaufen. Punkt.
  2. Große Datenhalden wecken immer Begehrlichkeiten bei mit hoheitlichen Aufgaben betrauten Stellen. Das ist in China so, das ist im Iran so und das ist auch hier so.
  3. Früher oder später werden diese Daten gegen euch verwendet.
Deswegen gilt:
  • Geht sparsam mit euren Daten um. Wer weiß schon was in 10 Jahren ist und was dann damit geschieht.
  • Informiert euch über Alternativen und macht euch Gedanken darüber ob und wie man sie sinnvoll einsetzen kann.
  • Das "Recht" auf Anonymität im Internet muss bis zum letzten Mann verteidigt werden. Egal wie sehr die CDU auch dagegen argumentiert. Der Weg in die "Cloud" ist zwar der leichtere, aber letztlich eine Einbahnstraße in Richtung chinesischer/iranischer Verhältnisse. 
  • Das Internet muss in seiner jetzigen Form, entgegen massiver Regulierungsversuche durch Wirtschaft und Politik, erhalten bleiben (Stichwort Netzneutralität, Zensur, ...). 
  • Alle, die auf Grund ihrer Ausbildung oder ihres Könnens, in der Lage sind anderen technische Hilfestellung zu geben, oder bei der Entwicklung mitzuarbeiten, sollten dies auch tun.

Das Internet ist ein wunderbarer Ort und jeder Einzelne kann etwas tun, damit das auch so bleibt.

Trackbacks

Anonym am : Bewölkt mit Aussicht auf Bespitzelung

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Falls ihr euch fragt, warum ich noch nichts, gar nichts zu dieser ganzen NSA/GHCQ/... Weltabschnorchelung gebloggt habe, wundert euch nicht länger, denn ich werde dazu auch nichts oder nicht viel schreiben. Die Fakten sind lange bekannt und es gibt außer

Kommentare

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Andi am :

*ABSOLUTE Zustimmung meinerseits. Ich hab zuletzt irgendwo den Spruch gelesen. Früher hat der Staat die Stasi angeheurt um die Daten der Bürger herauszufinden, heute geben alle auf Facebook freiwillig ihr Leben preis...Dumm wer da mitmacht. Meiner Meinung nach.

LG

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